Urlaub mit COPD: Was Lungenärzte raten

Worauf Menschen mit COPD beim Urlaub achten sollten, erklären die Pneumologen Prof. Dr. Fischer und Dr. de Zeeuw im Gespräch.

Worauf Menschen mit COPD beim Urlaub achten sollten, wann von Reisen abzuraten ist und welche Mythen sich ums Reisen und Destinationen ranken, erklären die Pneumologen Prof. Dr. Fischer und Dr. de Zeeuw in diesem Gespräch.

Das Wichtigste aus dem Interview im Überblick

  • Das A und O jeder Reiseplanung ist die Medikamentenversorgung: genug Vorrat plus Reserve und Hilfsgeräte (Inhalierhilfe, Inhaliergerät, PEP), alles ins Handgepäck, dazu ein mit dem Arzt abgestimmter Notfallplan und eine Medikamentenliste für den Ernstfall.
  • Der wichtigste Faktor bei der Auswahl des Ziels ist die eigene Vorerfahrung mit dem Klima; wer unsicher ist, bespricht das Ziel vorab ärztlich.
  • Meiden sollte man Orte mit schlechter medizinischer Versorgung, extremer Luftverschmutzung, großer Kälte oder Hitze sowie sehr hoch gelegene Städte wie La Paz (Bolivien) oder Cusco (Peru).
  • Moderate Höhen von rund 1.500 bis 2.500 Metern vertragen die meisten COPD-Patienten gut.
  • Meeresluft ist für die Lunge oft noch günstiger als das Bergklima.
  • Das salzhaltige Küstenklima wirkt doppelt: Es löst den Schleim und senkt das Infektrisiko, allerdings nur während des Aufenthalts. Zuhause lässt sich der Effekt mit NaCl-Inhalation nachahmen.
  • Luftkurorte und Reha-Standorte als Reiseziel sind ein Mythos: Ihr Ruf stammt aus der Tuberkulose-Geschichte, nicht von besserer Luft. Sie bieten aber eine gute Infrastruktur und ein breites Angebot.
  • Flugreisen sind oft unkritischer als gedacht; erst bei fortgeschrittener COPD oder Sauerstoffpflicht braucht es ärztliche Abklärung und gute Logistik.

PARI-Blog: Wenn Menschen mit COPD einen Urlaub planen, woran sollten sie auf jeden Fall denken?

Prof. Dr. Fischer: Grundsätzlich sollten Destination, Anreise und Unterkunft mit Bedacht gewählt werden. Essenziell ist die Versorgung mit den eigenen Medikamenten und medizinischen Geräten, wie Inhalierhilfe, PEP-Atemgeräte, gegebenenfalls ein Inhalationsgerät für die Feuchtinhalation + Adapter für die Steckdose, das ist das A und O. Man sollte immer genügend dabeihaben und auch Reservemedikamente und Notfallmedikamente einpacken. Es ist wichtig, immer ein Backup zu haben, für den Fall, dass Medikamente verloren gehen oder sich die Rückreise verzögert.

Der zweite wichtige Punkt ist die Frage: Was mache ich, wenn es mir unterwegs plötzlich schlechter geht? Vieles kann man selbst behandeln, aber nur, wenn man einen Plan hat. Diesen Notfallplan, etwa eine Kortisontherapie, bei Bedarf zusätzlich ein Antibiotikum, sollte man vorab mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin besprechen. Und es lohnt sich, schon vor der Reise zu wissen, wo man am Zielort im Ernstfall medizinische Hilfe findet. Sinnvoll ist auch, eine Liste der eigenen Medikamente und den aktuellen Arztbrief mitzuführen, damit ein fremder Arzt im Notfall sofort im Bilde ist.

PARI-Blog: Worauf sollten Menschen mit COPD bei der Wahl der Urlaubsdestination achten?

Dr. de Zeeuw: Der wichtigste Faktor ist die eigene Vorerfahrung: Wie habe ich das Klima dort bisher vertragen? Pauschal zu einem Ziel zu raten oder davon abzuraten, ist schwierig. Hat man gute Erfahrungen gemacht, gerne wieder. Wer keine Vorerfahrung hat, sollte die möglichen Einflüsse im Vorfeld mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin besprechen.

PARI-Blog: Gibt es Destinationen, die Menschen mit COPD per se meiden sollten?

Prof. Dr. Fischer: Ungünstig aus medizinischer Sicht sind vor allem Gebiete mit mangelhafter medizinischer Infrastruktur, extremer Luftverschmutzung, geringen Hygienestandards oder sehr ungünstigen klimatischen Bedingungen.

Von Dschungelaufenthalten zum Beispiel, etwa im Amazonasgebiet fernab der Zivilisation, würde ich COPD-Patienten abraten. Im Fall einer akuten Verschlechterung (Exazerbation) ist eine schnelle medizinische Versorgung schlichtweg nicht erreichbar.

Meiden sollte man zudem Städte mit extrem hoher Luftverschmutzung und Smog wie Delhi oder die großen Metropolen in Malaysia. Wenn zu den Abgasen noch extreme Hitze hinzukommt, ist das für die Atemwege eine enorme Belastung. Problematisch ist in heißen Ländern auch der ständige, abrupte Wechsel von der heißen Außenluft in eiskalt eingestellte, klimatisierte Räume. Diese Temperaturstürze vertragen viele nicht gut.

Ebenfalls ungeeignet für Menschen mit fortgeschrittener COPD sind extrem hochgelegene Städte wie Lhasa, Cusco oder La Paz. Ohne vorherige, sorgfältige Vorbereitung und eine ausreichende Akklimatisierung ist das Risiko für schwere Atemnot in diesen Höhenlagen einfach zu groß.

Gleichzeitig berichten in meiner Praxis immer wieder Patientinnen und Patienten über Reisen, von denen ich eher abgeraten hätte und bei denen doch alles gut gegangen ist.

PARI-Blog: Sie haben die Problematik mit Höhenluft angesprochen. Heißt das, mit COPD soll man auf Urlaub in den Bergen verzichten?

Prof. Dr. Fischer: Nein, wobei man hier ganz klar zwischen moderaten Höhen und den eben genannten extremen Höhenlagen unterscheiden muss. Ein Aufenthalt in moderaten Bergen, also auf Höhen von etwa 1.500 bis zu 2.500 Metern, wird auch von den meisten COPD-Patienten in der Regel sehr gut vertragen. Erst wenn es noch deutlich weiter nach oben geht, wird die dünne Luft für eine fortgeschrittene COPD zum ernsten Problem.

Allerdings muss man auch sagen: Die Berge sind für COPD-Patienten nicht zwingend das beste Ziel. Für viele Betroffene ist Meeresluft sogar noch ein Stück günstiger. Durch den Salzgehalt in der Küstenluft tut das Klima an der Nord- oder Ostsee der Lunge oft noch besser.

PARI-Blog: Wann ist ein Reizhusten im Liegen harmlos und wann abklärungsbedürftig?

Dr. de Zeeuw: Das Küstenklima ist für viele Menschen mit COPD von Vorteil, obwohl der Luftqualitätsindex in Deutschland zeigt, dass Küstenregionen besonders stark von Partikelbelastung betroffen sind. Doch das in der Luft enthaltene Salz wirkt sich bei COPD positiv aus – und zwar gleich doppelt. Zum einen berichten viele, dass sich am Meer der Schleim besser löst und sie ihn leichter abhusten können.

Zum anderen gibt es Daten, dass Menschen in Küstennähe seltener erkältet sind: Das Einatmen der salzhaltigen Luft senkt die Ansteckungswahrscheinlichkeit und damit Exazerbationen durch akute Atemwegsinfekte. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Die Wirkung der Salzluft, Sekretlösung und Schutz vor Infekten hält nur während des Aufenthalts vor Ort an. Wer diese positiven Effekte auch zu Hause haben möchte, der sollte mit einem Vernebler Kochsalzlösungen aus der Apotheke inhalieren.

PARI-Blog: Sollte man sein Reiseziel vielleicht nach Luftkurorten oder Reha-Standorten auswählen?

Dr. de Zeeuw: Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Die Kliniken in den Bergen und an der See waren ursprünglich Tuberkuloseheilanstalten: Damals galt es, Erkrankte weit weg von der Gesellschaft zu isolieren. Als die Tuberkulose medikamentös behandelbar wurde, brauchte man die Häuser nicht mehr, und sie erfanden sich als Rehakliniken neu.

Die Reha dort ist sehr gut – aber wegen der jahrzehntelangen Expertise, nicht wegen der Luft. Manche werben sogar damit, ihre Höhenlage sei milbenfrei. Das ist Unsinn: Milben leben überall dort, wo Menschen ihr Bett aufstellen, ob auf 1.500 Metern oder auf Meereshöhe.

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Luftkurort. Die Luftqualität, die früher Voraussetzung für den Titel war, erreichen wir heute flächendeckend in ganz Deutschland – auch im Ruhrgebiet, in Köln oder Berlin. Kriterien für einen Luftkurort sind heute eher das gastronomische Angebot und die Parks, nicht die Luft.

PARI-Blog: Es gibt Reiseziele, die sind ausschließlich oder schneller mit dem Flugzeug zu erreichen. Was ist von Flugreisen mit COPD zu halten?

Prof. Dr. Fischer: Grundsätzlich sind Flugreisen für viele COPD-Patienten sicherer, als man denkt, da man im Flugzeug ruhig sitzt und auf Kurz- oder Mittelstrecken der Kabineninnendruck meist gut toleriert wird. Kritisch wird es jedoch bei einer fortgeschrittenen COPD (Schweregrad 3 oder 4), da die dünnere Luft an Bord – die einer Höhe von bis zu 2.438 Metern am Ende eines Langstreckenfluges entsprechen kann – zu akutem Sauerstoffmangel führen kann.

Dr. de Zeeuw: Besonders für Patienten, die dauerhaft auf Sauerstoff angewiesen sind, gibt es strenge Sicherheitsauflagen, logistische Hürden und die Herausforderung, dass es in kritischen Phasen zeitweise zum Verbot eines Sauerstoffgeräts kommen kann. Daneben ist wichtig, zu bedenken, alle Medikamente und medizinischen Geräte im Handgepäck mitzuführen.

» Mehr Informationen und Tipps finden Sie auch im Interview „Fliegen mit COPD“

PARI-Blog: Worauf sollte man bei der Wahl der Unterkunft achten?

Dr. de Zeeuw: Hilfreich ist auch, im Vorfeld bei der Unterkunft Bedürfnisse zu adressieren. Schreiben Sie dem Hotel vor der Anreise, dass Sie eine chronische Atemwegserkrankung haben, eine rauchfreie Umgebung brauchen und gerne ein Zimmer in Aufzugnähe hätten. Die Zimmerbelegung machen Hotels meist erst in der Woche vor der Ankunft, da lässt sich das berücksichtigen. Hotels wollen gute Bewertungen. Warum sollten sie solche Wünsche also nicht erfüllen?

PARI-Blog: Was ist mit Klimaanlagen?

Prof. Dr. Fischer: Viele Patienten berichten, dass sie auf Klimaanlagen empfindlich reagieren und das Gefühl haben, sich schneller zu erkälten. Das kann damit zusammenhängen, dass die Klimaanlage der Luft Feuchtigkeit entzieht und trockener macht. Dadurch wiederum können die Schleimhäute austrocknen und anfälliger für Viren werden. Auch der starke Temperaturwechsel – draußen sehr warm, drinnen kalt – kann für den Organismus anstrengend sein.

Dr. de Zeeuw: In diesem Zusammenhang ist jedoch wichtig zu erwähnen: Man steckt sich nicht bei der Klimaanlage an, sondern bei Menschen an der Bar, im Restaurant usw. Wer bei laufender Klimaanlage nicht gut schläft, z. B. wegen des Geräuschs oder Zugluft, der schaltet die Anlage beim Zubettgehen einfach ab. So hat man zum Start in die Nacht eine kühle Schlafumgebung.

PARI-Blog: Vielen Dank für das interessante Gespräch!


Über Dr. Justus de Zeeuw

Dr. med. Justus de Zeeuw ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie und seit 2014 in Köln-Poll niedergelassen. Nach seinem Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und der Facharztausbildung am Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum war er als Chefarzt am St. Josef Krankenhaus Haan und am Petrus-Krankenhaus Wuppertal tätig.

Sein klinischer Schwerpunkt liegt in der Diagnostik und Therapie von Asthma, COPD und interstitiellen Lungenerkrankungen mit Fokus auf moderne Lungenfunktionsdiagnostik und evidenzbasierte Therapie. Dr. de Zeeuw verfügt über Zusatzqualifikationen in Schlafmedizin, Rehabiliationswesen und strukturierter Tabakentwöhnung und engagiert sich aktiv in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung.

Über Prof. Dr. Rainald Fischer

Prof. Dr. Rainald Fischer ist niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Teilgebiet Lungen- und Bronchialheilkunde, Fachkunde Notfallmedizin, Schlafmedizin und Allergologie in München-Pasing. Davor war er als Internist und Lungenfacharzt, zuletzt Oberarzt an der medizinischen Universitätsklinik Innenstadt München tätig. Prof. Dr. Rainald Fischer ist Gründungsmitglied und war langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin. Zudem leitet er ein großes Studienzentrum mit dem Schwerpunkt Asthma, COPD, interstitielle Lungenerkrankungen, Bronchiektasen und Mukoviszidose.


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Hinweise: Bei den im Interview getroffenen Aussagen handelt es sich um die individuelle Sichtweise der Interviewten. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die PARI Sichtweise oder den allgemeinen Stand der Wissenschaft wider.

Der Inhalt des Beitrags stellt außerdem keine Therapieempfehlung dar. Die Bedürfnisse von Patienten sind individuell sehr verschieden. Vorgestellte Therapieansätze sollen nur als Beispiele dienen. PARI empfiehlt Patienten, sich stets mit ihrem behandelnden Hausarzt oder Facharzt abzusprechen.


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