Fliegen mit COPD: Erfahrungen aus der Praxis

Im Interview sprechen die beiden erfahrenen Lungenfachärzte Dr. de Zeeuw und Prof. Dr. Fischer darüber, wie Fliegen trotz COPD gelingt.

Ist ein Urlaub per Flugzeug mit COPD möglich? Die Sorge vor dünner Kabinenluft, Atemnot an Bord oder strengen Auflagen bei der Mitnahme von Medikamenten und Sauerstoffgeräten verunsichert viele Betroffene und ihre Angehörigen. Im Interview sprechen die beiden erfahrenen Lungenfachärzte Dr. de Zeeuw und Prof. Dr. Fischer darüber, wie Fliegen trotz COPD gelingt.

Das Interview in der Zusammenfassung

  • Fliegen ist meist sicherer als gedacht: Vor allem auf Kurz- und Mittelstrecken wird die Höhe gut vertragen, da man im Flugzeug ruhig sitzt. Bei schwerer COPD (Schweregrad 3 oder 4) sollten der Sauerstoffwert und das Herz jedoch vorab ärztlich gecheckt werden.
  • Sauerstoff an Bord ist möglich: Airlines sind gesetzlich zur Mitnahme von medizinischem Sauerstoff verpflichtet. Ein eigener mobiler Konzentrator muss angemeldet werden. Bei kritischen Flugphasen wie Start, Landung oder bei Turbulenzen muss man bis zu 30 Minuten ohne Gerät auskommen können.
  • Akkuleistung exakt berechnen: Für mitgeführte Akkus von Sauerstoffgeräten gelten strengere Obergrenzen wegen der Brandgefahr, weshalb die Vorgaben der jeweiligen Airline vorab genau geprüft werden müssen.
  • Medikamente gehören ins Handgepäck: Alle Medikamente dürfen für mindestens drei Monate mitgeführt werden. Gleiches gilt für Geräte, z. B. Inhalationsgeräte. Ein ärztliches Attest ist nur bei Betäubungsmitteln nötig, die Medikamente sollten aber samt Umverpackung mitgenommen werden. Für Geräte einen Geräteschein einpacken.
  • Griffbereit für den Flug planen: Notfallspray, Inhalierhilfe, Bonbons und Kaugummi gegen die trockene Luft in einem kleinen Täschchen direkt in die Sitztasche vor sich packen. Ein Sitzplatz nahe der Toilette erspart zusätzlich anstrengende Wege.

PARI-Blog: Was ist von Flugreisen mit COPD zu halten? Ab wann wird es kritisch?

Prof. Dr. Fischer: Grundsätzlich sind Flugreisen für viele COPD-Patienten sicherer, als man denkt, da man im Flugzeug ruhig sitzt. Auf Kurz- oder Mittelstrecken wird der Kabineninnendruck zudem meist gut toleriert. Kritisch wird es jedoch bei einer fortgeschrittenen COPD, also ab Schweregrad 3 oder 4.

Mit der Reiseflughöhe nimmt der Kabineninnendruck ab, was am Ende eines Langstreckenfluges einer realen Höhe von bis zu 2.438 Metern entspricht. Auf dieser Höhe ist objektiv weniger Sauerstoff in der Luft. Wenn die Sauerstoffsättigung im Blut des Reisenden auf Meeresspiegelhöhe ohnehin schon an der Grenze ist, kann diese dünnere Luft an Bord zu akutem Sauerstoffmangel führen.

Dr. de Zeeuw: Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener COPD empfehle ich deshalb immer, vor einer Flugreise prüfen zu lassen, wie ihre Sauerstoffsättigung auf Meeresspiegelhöhe ist und ob an Bord zusätzlicher Sauerstoff benötigt wird. Für Menschen mit COPD empfiehlt sich außerdem ein Sitzplatz nahe der Toilette. Das hält die Strecken möglichst kurz, wenn die Luft sowieso schon knapp und man schnell außer Puste ist.

PARI-Blog: Schließt ein dauerhafter Sauerstoffbedarf eine Flugreise automatisch aus und welche Kriterien bestimmen die Flugtauglichkeit?

Prof. Dr. Fischer: Nein, ein Sauerstoffbedarf führt keineswegs automatisch zur Flugunfähigkeit. Rechtlich schützt hier die europäische Behindertenrichtlinie: Fluggesellschaften sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Mitnahme von medizinischem Sauerstoff zu erlauben und chronisch Kranke mitzunehmen.

Was die medizinischen Kriterien angeht, gibt es sehr ausführliche internationale Guidelines, etwa von europäischen und US-Fachgesellschaften. Die offizielle Empfehlung lautet oft, dass man ab einem FEV1-Wert unter 50 % oder bei einer Sauerstoffsättigung auf Seehöhe von unter 90 bis 92 % nicht mehr flugtauglich ist. Aus meiner Sicht ist das für die Praxis allerdings häufig zu streng.

Auf Kurz- oder Mittelstrecken, etwa Flügen innerhalb Europas auf eine Mittelmeerinsel, wird diese maximale Kabinenhöhe gar nicht erreicht, sondern liegt oft nur bei 1.600 bis 1.700 Metern. Da die Patienten im Flugzeug meist auf ihrem Platz sitzen und sich kaum bewegen, sind echte Zwischenfälle an Bord oder Notlandungen wegen COPD-Patienten extrem selten. Auf Langstrecken wie nach Südamerika oder an die US-Westküste sieht das anders aus, da das Flugzeug mit sinkendem Kerosingewicht höher steigt und der Druck stärker abfällt.

Dr. de Zeeuw: Wenn man dauerhaft auf Sauerstoff angewiesen ist, verlangen die Fluggesellschaften eine ärztliche Flugtauglichkeitsbescheinigung sowie eine vorherige Anmeldung des Sauerstoffgeräts. Airlines wollen bei der Flugfreigabe vor allem eines wissen: Wie reagiert der Patient in kritischen Flugphasen wie Start, Landung oder bei Turbulenzen? In diesen Phasen kann es sein, dass ein mobiles Sauerstoffgerät aus Sicherheitsgründen für etwa eine halbe Stunde augeschaltet werden muss.

Dieses Thema taucht regelmäßig auf, wenn ich auf Anfrage von z. B. Eurowings ein Attest erstellen soll, dass der Passagier nicht durchgehend auf Sauerstoff angewiesen ist. Ich soll bestätigen, dass das Sauerstoffgerät in kritischen Flugphasen ausgeschaltet werden kann: Das bedeutet nicht, dass es ausgeschaltet werden muss, sondern dass die Person es vertragen kann, wenn es seitens der Besatzung Gründe für das Ausschalten gibt. Die Regelung hängt vom verwendeten Gerät ab (es gibt Konzentratoren, die für alle Flugphasen zugelassen sind) und von der Fluggesellschaft.

Wenn der Arzt bescheinigen kann, dass der Patient diese halbstündigen Unterbrechungen problemlos übersteht, etwa weil er im Alltag ohnehin stundenweise ohne Sauerstoff auskommt, steht dem Flug nichts im Wege. Kann jemand jedoch keine halbe Stunde lückenlos ohne Sauerstoff sein, muss von der Flugreise abgeraten werden.

» Hier finden Sie die Regelungen verschiedener Airlines zur Mitnahme von Sauerstoffgeräten:

PARI-Blog: Reicht der Blick auf die Lunge für eine Flugfreigabe aus oder müssen auch Begleiterkrankungen geprüft werden?

Prof. Dr. Fischer: Der Blick allein auf die Lunge reicht nicht immer aus. Eine Flugfreigabe sollte stets den gesamten Gesundheitszustand berücksichtigen, insbesondere das Herz. Viele COPD-Patienten haben gleichzeitig eine begleitende Herzerkrankung. Wenn an Bord der Sauerstoffgehalt sinkt, kann das in Kombination mit Herzproblemen schnell kritisch werden. Ein Vorab-Check beim Hausarzt oder Kardiologen ist vor der Reise deshalb sehr ratsam.

PARI-Blog: Kann man mit COPD und Lungenemphysem fliegen?

Prof. Dr. Fischer: Auch beim Thema Lungenemphysem gibt es oft Unsicherheiten. Viele Betroffene sorgen sich, dass Lungenbläschen platzen könnten, wenn der Kabinendruck beim Steigflug fällt. Diese Sorge ist bei einer normalen Flugreise jedoch unbegründet, da die Aufstiegsgeschwindigkeit von Verkehrsflugzeugen dafür viel zu gering ist. Die Druckunterschiede beim Aufstieg im Flugzeug sind z. B. nicht mit denen beim Sporttauchen zu vergleichen, wo bei einem Emphysem tatsächlich große Vorsicht geboten ist.

PARI-Blog: Zurück zum Thema Sauerstoff: Wie funktioniert die Sauerstoffmitnahme an Bord und worauf muss man bei Akkus achten?

Prof. Dr. Fischer: Laut einer europäischen Behindertenrichtlinie sind Fluggesellschaften verpflichtet, medizinischem Sauerstoff zur Verfügung zu stellen. In der Praxis ist die Bereitstellung durch die Airlines jedoch oft kompliziert. Deshalb ist es am praktischsten, wenn Patienten ihren eigenen mobilen Sauerstoffkonzentrator mitnehmen, egal ob gekauft oder für die Reise geliehen.

Das Gerät muss vorab bei der Fluggesellschaft angemeldet werden. Ganz wichtig: Wegen der Brandgefahr sind die Fluggesellschaften bei Akkus extrem vorsichtig geworden. Man muss die benötigte Akkuleistung vorab exakt berechnen und die Vorgaben der jeweiligen Airline prüfen, da bestimmte Akkukapazitäten an Bord keinesfalls überschritten werden dürfen.

» Tipps zur Anmeldung eines Sauerstoffgerätes gibt es beim DAAB (PDF)

PARI-Blog: Darf man auch anderes medizinisches Equipment und Medikamente mit an Bord nehmen? Was gehört bei einer Flugreise ins Handgepäck und braucht man dafür ein Attest?

Dr. de Zeeuw: Es ist gesetzlich geregelt, dass man alle benötigten Medikamente für mindestens die Dauer des Urlaubs, meistens sogar für drei Monate, im Handgepäck mitnehmen darf. Hierfür braucht man auch kein ärztliches Attest. Die einzige Ausnahme sind Betäubungsmittel wie Morphium-Präparate. Dafür ist eine ärztliche Bescheinigung Pflicht.

Wichtig ist, die Medikamente in der Originalverpackungen mitzunehmen und auch die Umverpackung, also die Pappschachteln mitzuführen. Diese kann man flach zusammenfalten, damit sie keinen Platz wegnehmen. Mit der Originalverpackung können Sicherheits- und Zollpersonal Blister und Schachtel abgleichen und nachvollziehen, um welchen Wirkstoff es sich handelt. Für Therapiegeräte wie Schlafapnoegeräte oder Inhalationsgeräte ist es ratsam, den Gerätepass mitzunehmen. Dieser liegt dem Gerät in der Regel in drei Sprachen bei. Dann kann der Zoll lesen, was das für ein Gerät ist, und das Thema ist erledigt.

PARI-Blog: Kann es passieren, dass mir Medikamente vor einem Flug an der Sicherheitskontrolle abgenommen werden?

Dr. de Zeeuw: Die Sorge, Medikamente könnten einem abgenommen werden, ist unbegründet. Eine Fluggesellschaft möchte Menschen sicher ans Ziel bringen. Das Unklügste, was die Airline hier tun könnte, wäre, chronisch Kranken vorher ihre Medikamente wegzunehmen und dann an Bord Notfälle zu riskieren.

PARI-Blog: Was raten Sie konkret für den Flug selbst?

Dr. de Zeeuw: Die Kabinenluft ist objektiv trockener. Ein gutes Raumklima liegt bei etwa 50 bis 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Im Flugzeug geht das teilweise auf 10 Prozent herunter. Bei Flügen über einer Stunde sollte man deshalb regelmäßig trinken, auch weil Flüssigkeitsverlust die Thromboseneigung erhöhen kann. Zuckerfreie Lutschbonbons helfen zusätzlich, am besten leicht saure, weil Säure die Speichelproduktion anregt und so die Schleimhäute befeuchtet. Kaugummi funktioniert genauso.

Wichtig ist außerdem, frühzeitig zu reagieren. Wer merkt, dass sich Hustenreiz ankündigt oder das tiefe Durchatmen schwerfällt, sollte nicht warten, bis richtige Atemnot da ist. Denn der Stress verschlimmert die Situation. Lieber schon bei den kleinen Signalen zwei Hübe vom Bedarfsspray nehmen.

Am besten packt man Notfallspray, Inhalierhilfe, Bonbons und Kaugummis in eine kleine Tasche und verstaut diese griffbereit in der Tasche am Vordersitz.

PARI-Blog: Verschlimmert sich eine COPD beim Fliegen bzw. kann es zu langfristigen Schäden führen?

Dr. de Zeeuw: Symptome, Wohlbefinden und Sauerstoffsättigung können sich während eines Fluges, wie vorher beschrieben, verschlechtern. Das zählt aber nur für die Flugdauer. Langfristige Schäden an der Lunge oder Exazerbationen der COPD verursachen Flugreisen für gewöhnlich nicht.

PARI-Blog: Vielen Dank für das Gespräch!


Über Dr. Justus de Zeeuw

Dr. med. Justus de Zeeuw ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie und seit 2014 in Köln-Poll niedergelassen. Nach seinem Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und der Facharztausbildung am Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum war er als Chefarzt am St. Josef Krankenhaus Haan und am Petrus-Krankenhaus Wuppertal tätig.

Sein klinischer Schwerpunkt liegt in der Diagnostik und Therapie von Asthma, COPD und interstitiellen Lungenerkrankungen mit Fokus auf moderne Lungenfunktionsdiagnostik und evidenzbasierte Therapie. Dr. de Zeeuw verfügt über Zusatzqualifikationen in Schlafmedizin, Rehabiliationswesen und strukturierter Tabakentwöhnung und engagiert sich aktiv in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung.

Über Prof. Dr. Rainald Fischer

Prof. Dr. Rainald Fischer ist niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Teilgebiet Lungen- und Bronchialheilkunde, Fachkunde Notfallmedizin, Schlafmedizin und Allergologie in München-Pasing. Davor war er als Internist und Lungenfacharzt, zuletzt Oberarzt an der medizinischen Universitätsklinik Innenstadt München tätig. Prof. Dr. Rainald Fischer ist Gründungsmitglied und war langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin. Zudem leitet er ein großes Studienzentrum mit dem Schwerpunkt Asthma, COPD, interstitielle Lungenerkrankungen, Bronchiektasen und Mukoviszidose.


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Hinweise: Bei den im Interview getroffenen Aussagen handelt es sich um die individuelle Sichtweise der Interviewten. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die PARI Sichtweise oder den allgemeinen Stand der Wissenschaft wider.

Der Inhalt des Beitrags stellt außerdem keine Therapieempfehlung dar. Die Bedürfnisse von Patienten sind individuell sehr verschieden. Vorgestellte Therapieansätze sollen nur als Beispiele dienen. PARI empfiehlt Patienten, sich stets mit ihrem behandelnden Hausarzt oder Facharzt abzusprechen.


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