Menschen mit Bronchiektasie haben viel Schleim in der Lunge. Physiotherapeutin Angelika von Esebeck gibt Tipps, wie Betroffene ihre Atemwege befreien können.

Menschen mit einer Bronchiektasen-Erkrankung haben häufig sehr viel Schleim in der Lunge. Physiotherapeutin Angelika von Esebeck gibt im Interview Tipps, wie Betroffene ihre Atemwege von Sekret befreien können.

Angelika von Esebeck: Das vorrangige Problem bei einer Bronchiektasie ist die Ansammlung großer Mengen Sekret in den Bronchien mit Bildung von Bronchiektasen (= Aussackungen, dauerhafte Ausweitung). Das vorrangige Ziel ist daher ein gezieltes Sekretmanagement.
Der Schleim behindert die Atmung, verursacht Husten sowie Kurzatmigkeit und dient Keimen als Nährboden, was mit Entzündungen einhergeht. Deswegen ist es eine fortwährende Aufgabe, die Lunge mehrmals täglich von Sekret zu befreien und dies in den Alltag einzubetten. Abhängig von der Schwere der Erkrankung kann die Therapie und der Umgang mit Sekret (Sekretmanagement) viele Stunden des Tages in Anspruch nehmen.
Angelika von Esebeck: Ein gezieltes Sekretmanagement beinhaltet Sekretolyse, Sekretmobilisation, Sekrettransport und Sekretelimination. Zur Anwendung kommen Feuchtinhalation, angepasste Atemtechniken wie z. B. die Modifizierte Autogene Drainage, der Einsatz verschiedener PEP Systeme, Thoraxmobilisation und Brustkorbdehnung. Auch Sport bzw. Bewegung sind unterstützend hilfreich.

Angelika von Esebeck: Atemtechniken wie die Modifizierte Autogene Drainage (MAD) dienen der Sekretmobilisation und Transport des Sekrets Richtung Mund. Die MAD ist eine effektive, schonende Technik zur Reinigung der Atemwege, die jeder Patient mit einem Sekretproblem erlernen sollte. Kinder erlernen diese Technik bereits ab dem 3. Lebensjahr. Atemtherapiegeräte wie das PARI PEP S System setzen Patienten zur Weitstellung der Atemwege und zur Entblähung ein. Das PARI O-PEP ist ein hilfreicher Atemtrainer für die Sekretolyse. Die PEP Systeme sind klein, so dass sie nicht nur zuhause, zum Beispiel während oder nach der Feuchtinhalation, sondern auch unterwegs eingesetzt werden können.
Die Therapie in den Alltag einzubinden, erfordert Zeit und Mut, sich ab und zu kurz aus dem Arbeitsalltag rauszunehmen, um für seine Gesundheit zu sorgen. Manche Patienten gehen in der Schule oder am Arbeitsplatz z. B. zur Toilette, nur um dort allein zu sein und ihre Atemtechniken anzuwenden, damit die Lunge während des Tages immer wieder vom Schleim befreit wird. Das machen nicht alle. Oft kommen Patienten abends zu mir in die Praxis und sind überbläht, kurzatmig sowie stark verschleimt. Da wird dann während der Behandlung sehr, sehr viel Sekret eliminiert, das sich über den Tag angesammelt hat.

Angelika von Esebeck: Die meisten Bronchiektasie-Patienten inhalieren zweimal am Tag, bei Infekten oder Exazerbationen auch bis zu viermal. Die Feuchtinhalation dient der Sekretolyse, der Verflüssigung des Schleims. Besonders effektiv ist das durch den osmotischen Effekt mit hypertoner Kochsalzlösung – und ist ein essenzieller Schritt, um die Atemwege anschließend reinigen zu können.
Der Großteil der Patienten inhaliert mit dem eFlow®rapid – ein Inhalationsgerät mit Schwingmembran-Technologie, das i. d. R verordnet wird. Dieses Inhaliergerät ist klein, leise und schnell, wodurch es eine diskrete Inhalation auch außerhalb der eigenen vier Wände möglich macht. Bei der Therapie zuhause inhalieren Patienten mindestens zwei Ampullen zu je 2,5 ml hintereinander, da durch den hohen Output die Inhalationszeit sonst zu kurz wäre.
Angelika von Esebeck: Patienten inhalieren zuerst mit hypertoner Kochsalzlösung. Ggf. kombinieren sie die Feuchtinhalation mit der Ausatmung durch ein oszillierendes PARI O-PEP, um den Schleim fließfähiger zu machen. Durch Mobilisations- und Dehnungsübungen des Brustkorbs sowie verschiedene Ein- und Ausatemtechniken mit unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten und Ausatemwiderständen (Modifizierte Autogene Drainage in Kombination mit Brustkorbbewegung) lernen Betroffene, das Sekret aus der Lungenperipherie in die großen Atemwege zu transportiert – und zuletzt durch Huffing oder kurzes gezieltes Husten aus der Lunge zu entfernen (Sekretelimination).

Angelika von Esebeck: Mobilisation und Dehnung des Brustkorbs sind entscheidend für vertiefte Ein- und Ausatmung. Ohne vertiefte Atemzüge bleibt der Schleim unbeweglich in schlecht belüfteten „Sackgassen“ gefangen.
Durch eine langsame, vertiefte Einatmung können auch schlecht belüftete Lungenareale mit Luft gefüllt werden (Kollaterale Ventilation). Nur wenn Luft hinter den festsitzenden Schleim gelangt, kann dieser während der Ausatmung Richtung Mund transportiert werden. Um eine langsame Einatmung mit laminarer Luftströmung zu erlernen, gibt es Vernebler von PARI (LC SPRINT Familie) mit einem PIF-Control-System. Bei zu schneller Einatmung verschließt eine Klappe die Luftzufuhr, der Patient spürt einen Einatemwiderstand und wird durch dieses Bio-Feedback daran erinnert, langsamer einzuatmen.
Durch den Schwerkrafteffekt werden schwerkraftabgewandte Lungenareale besser mit Luft gefüllt, während die unten liegenden schwerkraftzugewandten Lungenareale besser durchblutet sind. Lageveränderungen unterstützen die Sekretmobilisation. Bei Bettlägerigkeit – auch z. B. auch während einer Exazerbation – sind regelmäßige Umlagerungen essenziell, um das Verhältnis von Ventilation und Perfusion zu verändern. So werden Totraum- und Shuntvolumina verringert und die Anreicherung des Blutes mit Sauerstoff (Oxygenierung) gefördert.
Brustkorb und Atemmuskulatur sind Teile der Atempumpe. Ein beweglicher Brustkorb ermöglicht tiefere Atemzüge. Ein versteifter Thorax hingehen blockiert die Atmung. Eine leistungsfähige Atemmuskulatur, vor allem das Zwerchfell, ist für unsere Atmung sehr wichtig.
Angelika von Esebeck: Regelmäßige Atemphysiotherapiebehandlungen in einer spezialisierten Praxis sind sinnvoll: um ein gezieltes Sekretmanagement, einschließlich der Inhalationsschulung, zu erlernen, den Brustkorb manuell beweglich zu halten, der Überblähung entgegenzuwirken, die Atemmuskulatur zu behandeln und zu trainieren und die individuelle Therapie regelmäßig anzupassen. Überlicherweise kommen Bronchiektasie-Patienten regelmäßig zur Atemphysiotherapie. Sport und Bewegung sollten die Therapie ergänzen, da dadurch die Atmung automatisch vertieft und die allgemeine Leistungsfähigkeit gesteigert oder erhalten werden kann.
Angelika von Esebeck arbeitet als niedergelassene Physiotherapeutin in Weßling. Sie ist spezialisiert auf die Behandlung von akuten sowie chronisch-obstruktiven und restriktiven Lungenerkrankungen wie Asthma, Bronchiektasen, COPD, Mukoviszidose (CF) und Primärer Ciliärer Dyskinesie (PCD) und dysfunktionalen Atemstörungen.
Hinweise: Bei den im Interview getroffenen Aussagen handelt es sich um die individuelle Sichtweise der Interviewten. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die PARI Sichtweise oder den allgemeinen Stand der Wissenschaft wider.
Der Inhalt des Beitrags stellt außerdem keine Therapieempfehlung dar. Die Bedürfnisse von Patienten sind individuell sehr verschieden. Vorgestellte Therapieansätze sollen nur als Beispiele dienen. PARI empfiehlt Patienten, sich stets mit ihrem behandelnden Hausarzt oder Facharzt abzusprechen.
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