Apnoetaucher und Atemtrainer Nik Linder erzählt, wie er im Winter schwimmend bzw. tauchend den Bodensee durchquert hat.

Apnoetaucher und Atemtrainer Nik Linder berichtet auf dem PARI Blog und auf Instagram regelmäßig aus seinem Leben. Diesmal erzählt er, wie er im Winter schwimmend bzw. tauchend den Bodensee durchquert hat.
Am 21. Januar sitze ich auf der Bühne der boot in Düsseldorf, die führende Wassersportmesse weltweit. Ich bin eingeladen, um unter dem Themenbereich „Extreme Waters“ etwas zu erzählen. Mein Weltrekord unter Eis und meine Seatrekking-Abenteuer sind der Grund dafür. Neben mir ein Höhlentaucher, jemand der mit sehr viel Tauchausrüstung versucht, tiefe und weitläufige Höhlen zu erforschen. Uns eint zumindest in Bezug auf das Eistauchen das sogenannte „Overhead“-Environment: das Tauchen unter einer geschlossenen Decke, die keine Möglichkeiten eines direkten Aufstiegs im Notfall möglich macht.
„Warum tut man so etwas?“, so die nachvollziehbare Frage des Moderators. Und wie so oft fällt mir eigentlich keine richtige Antwort ein. Warum taucht man unter Eis, warum schindet man sich um, wie ich vor einigen Jahren, den Bodensee schwimmend zu umrunden?

Ich überlege kurz und antworte, indem ich einen Kursteilnehmer zitiere, der genau eine Woche vorher mit mir am Österreichischen Weissensee an meinem Apnoe-unter-Eis-Event teilgenommen hat. Er war bei seiner Anreise aufgrund privater Probleme sehr niedergeschlagen. Nach den ersten Tauchgängen erzählte er mir begeistert, dass der Druck, der auf ihm gelastet hatte, jetzt zum ersten Mal weg sei. Er fühle sich erstmals wieder so richtig gelöst und habe keine traurigen Gedanken.
„Manche Erlebnisse sind so intensiv, dass kein Raum mehr bleibt für anderes“, erzähle ich auf der Bühne in Düsseldorf. Darüber hinaus erkläre ich schon immer beim Safety Briefing vor dem Eistauchen: „Wer Apnoe unter Eis taucht, den kann so schnell nichts mehr erschüttern“. Mit einem Atemzug unter Eis zu tauchen, ist eine große mentale Herausforderung.

An besonderen Erlebnissen zu wachsen und dadurch die kleineren Rückschläge des Lebens besser auszuhalten, das kann man auch als Resilienz-Training bezeichnen. Im Angesicht körperlicher Entbehrungen und großer persönlicher Herausforderungen scheinen einen die fiesen Nadelstiche des Alltags doch gar nicht mehr so zu nerven. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, Eisbaden zu gehen. Davor war ich zwar immer wieder auch im kalten Wasser unterwegs, um zum Beispiel in Norwegen mit den Orcas zu tauchen oder eben für meine Weltrekorde unter Eis. Das war aber immer in einem dicken Neoprenanzug.
Eisbaden macht man dagegen nur mit der Badehose. Der Atem ist dabei der Schlüssel, um ruhig zu bleiben. Der Stress aufgrund des kalten Wassers beschleunigt die Atmung. Konzentriert man sich aber auf eine ruhige Atmung, entspannt man sich in kürzester Zeit. Ich habe sehr schnell Spaß am kalten Wasser gefunden und vor allem das tolle Gefühl danach genossen, wenn der Körper wieder durchblutet und erwärmt wurde. Es stellte sich jedes Mal ein Hochgefühl ein, welches einige Stunden andauerte. Ein Teil des Hochgefühls war der Stolz etwas geschafft zu haben, was man sich selbst nicht zugetraut hatte.
Das Eisbaden im nahegelegenen See, das Eistauchen unter einer geschlossenen Eisdecke sind auch Momente in der Natur. Sind im Sommer sehr viele Menschen an und in den Gewässern, so ist im Winter deutlich weniger los. Ich begriff, dass Winter und Erlebnisse draußen sich nicht ausschließen müssen. Würde ich meine Gewöhnung an das kalte Wasser nutzen, so könnte ich in den kalten Monaten ebenso im Wasser unterwegs sein wie im Sommer. Eine Saison die niemals enden würde.
Ein Projekt, das ich schon seit einem Jahr vor mir hergeschoben habe, ist es, den Bodensee im Winter schwimmend zu überqueren. Letztes Jahr hatte mir dazu die Zeit, vor allem aber die Überzeugung gefehlt. Wenn man erstmal auf der Mitte des größten deutschen Sees ist, ist man in gewisser Weise ausgeliefert: Was wenn man ein Problem mit dem eiskalten Wasser hätte oder irgendwelche körperlichen Probleme auftauchen würden oder das Wetter umschlägt oder oder oder …
Ich glaube, voriges Jahr hatte ich mir genau diese Gedanken gemacht und das Projekt erstmal verschoben. Es war Maik, ein befreundeter Apnoetaucher aus Oranienburg nähe Berlin, der mich begleiten würde und mich überzeugte, dieses Jahr im Februar die Bodensee-Querung von Meersburg nach Konstanz endlich anzugehen.
Wir treffen uns am Parkplatz neben der Meersburger Therme. Ich erhasche einen Blick in das Innere und sehe die Menschen im warmen Wasser floatend durch eine große Panoramascheibe den Bodensee betrachten. Eine schöne Perspektive denke ich bei mir und müsste lügen, wenn ich nicht ein wenig neidisch auf deren samstägliche Wasseraktivität wäre.

Doch wir haben eine Mission und jetzt ist es an der Zeit, loszulegen. Wie schon einige Wochen vorher beim Eistauchen habe ich auch dieses Mal meinen PARI BOY free dabei. Er gehört mittlerweile schon zu meinem Ritual, die Atemwege während einer solchen Herausforderung zu pflegen. Kaltes Wasser und kalte Luft können die Atemwege belasten. Da wir mit einer Tauchmaske mit Nasenerker unterwegs sind, fällt das Erwärmen der Luft beim Einatmen durch die Nase weg. Das belastet die Atemwege zusätzlich. Gerade in sehr kaltem Wasser inhaliere ich deshalb noch einmal mit einer Salzlösung, bevor ich ins Wasser gehe.

Wir packen alles in unsere schwimmenden Taschen und begeben uns langsam ins Wasser. Die Strecke sind 5,4 km, was im Sommer kein Problem ist. Ungefähr zwei Kilometer schafft man in der Stunde, so dass wir ungefähr zweieinhalb bis drei Stunden unterwegs sein werden. Das Wasser ist 6 Grad kalt und die Luft noch kühler.
Im Wasser setzt irgendwann der Tauchreflex ein, wodurch der Körper vorrangig die lebenswichtigen Organe Hirn, Herz und Lunge durchblutet. Die Extremitäten erfahren eine Minderdurchblutung. Kaltes Wasser beschleunigt diesen Effekt, so dass uns vor allem die kalten Hände und Füße Probleme machen werden.
Wir winken noch einmal zum Abschied von Meersburg und schwimmen los. Unser Plan ist es, eine entspannte Geschwindigkeit einzuhalten, die genug Körperwärme erzeugt und es uns erlaubt die komplette Strecke ohne Pause durchzuhalten. Stillstand würde zu Frieren führen. Ist der Körper einmal kalt, wird er bei diesen Temperaturen auch nicht mehr warm.
Die erste Stunde ist unangenehm. Ich weiß nicht, ob der Begriff „Hirnfrost“ es richtig beschreibt. Aber wenn man sich vorstellt, dass fortwährend ein Eisblock auf die Stirn geschlagen wird, dann beschreibt es den Schmerz recht treffend. Dazu kommt das unangenehme Kribbeln in Füßen und Händen, wenn sich dort langsam das Gefühl verabschiedet. Die Atmung und die Anstrengung des Kraul-Arm-Schwunges gegen den Widerstand des Neoprenanzuges gehören ebenso dazu, wie der Eindruck, dass man seinem Ziel bei aller Anstrengung keinen Millimeter näherkommt.

All das kannte ich aber schon, denn ich habe genau diese Distanz bereits kurz vor Weihnachten im Opfinger See nahe meiner Heimat Freiburg ausprobiert. Nach einer Stunde spüre ich meine Stirn, Hände und Füße nicht mehr und mit dem Gefühl verschwindet auch der Schmerz. Da wir ohne Begleitboot unterwegs sind, ist es gar nicht so einfach, die Richtung zu halten. Immer wieder blicke ich aus dem Wasser und überprüfe die Richtung. Heute sind sehr wenige Schiffe unterwegs und auch die zahlreichen Fähren sind nur von weitem zu erkennen.
Einer der Vorteile unserer Winterquerung, denn im Sommer wäre hier im Bodensee die Hölle los. 2022 habe ich in 20 Tagen den Bodensee umschwommen und war dabei vor allem in Ufernähe unterwegs. Nahe ans Ufer dürfen Boote und Schiffe nur zum Anlegen und auch das nur sehr langsam. So war die Gefahr, die von Schiffen ausgeht, deutlich reduziert.
Außerdem ist nahe am Ufer schnorchelnd durch die Maske in einem so schönen See wie dem Bodensee unglaublich viel zu sehen. Fische, Algen und vieles mehr haben diese Tour zu einem 360-Grad-Erlebnis gemacht, bei dem ich die Natur über und unter Wasser beobachten konnte.
Bei der Querung hingegen ist kein Grund in Sicht und doch kann man so manches betrachten. Mit dem Blick unter der Wasseroberfläche erkennt man die leichten Wellen aus einer ungewohnten Perspektive. Eine Art Abbild oder Negativ der gewohnten Über-Wasser-Ansicht. Zwischen den gelegentlichen Blicken über Wasser, um den Kurs zu korrigieren, senke ich meinen Blick wieder und überlege, wie man die Farbe des Wassers beschreiben könnte. Kein Blau, kein Grün, kein Grau und doch irgendwie von allem etwas: Petrol, ich glaube, es ist Petrol.
Und als ich so vor mich hin meditiere mit dem Blick in die Tiefe, schrecke ich plötzlich auf. Auf einmal taucht der Grund aus dem bis dahin bodenlosen Petrol, das mich umgibt, auf. Der Blick nach oben bestätigt es: Wir sind in Konstanz angekommen. Nur etwas über zwei Stunden haben wir dafür gebraucht.
Nur mit großer Mühe können wir die Flossen ausziehen. Unsere Finger sind ohne Kraft und Gefühl. Die Füße tapsen gefühllos und wie Fremdkörper über den steinigen Boden. Maik und ich geben uns ein „High five“, auch wenn ich das Zusammenschlagen unserer Hände nur höre und nicht spüre. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis das Gefühl in Hände und Füße zurückkehrt.
Das breite Grinsen auf unseren Gesichtern stellt sich aber sofort ein und bleibt den ganzen Tag. Auf der Heimfahrt lasse ich das Erlebte noch einmal Revue passieren. Nur durch das bewusste Nachspüren wird mir klar, was ich geschafft habe. Es geht mir richtig gut und ich glaube, morgen fahre ich wieder an den Bodensee … und dann gehe ich in die Therme!
Nik Linder hat mehrere Weltrekorde im Streckentauchen unter Eis und mehrere nationale Apnoe-Rekorde gebrochen. Als erster Mensch hat der begeisterte Seatrekker den Bodensee schwimmend und ohne Support umrundet. Nik ist als Atem- und Entspannungstrainer tätig und hat mit „Relaqua“ eine Entspannungsmethode erfunden, die ihre Wurzeln im Apnoetauchen, dem Atemyoga und der Achtsamkeit hat. Als Autor, Speaker und Apnoetrainer ist er vor allem im deutschsprachigen Raum aktiv, seine Reisen führen ihn aber in die ganze Welt.
Hinweis: Bei den im Erfahrungsbericht getroffenen Aussagen handelt es sich um die individuelle Sichtweise der berichtenden Person. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die PARI Sichtweise oder den allgemeinen Stand der Wissenschaft wider.
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