Kind dauernd krank? Ein Interview über Ursachen und Abhilfe

Kinderarzt Emmanuel Nellen erklärt Ursachen von Infektanfälligkeit bei Kindern und Jugendlichen und was Eltern tun können, um ihr Kind zu stärken.

Immer wieder krank, ständig Schupfen oder Husten: Viele Eltern kennen das bei ihren Kindern im Grundschul- oder Jugendalter. Ab wann gilt ein Kind als besonders infektanfällig? Was steckt dahinter, wenn Jugendliche oder Kinder häufiger und schwerer krank werden als Gleichaltrige?

Kinderarzt Emmanuel Nellen erklärt, welche Ursachen häufige Infekte haben können, wann ärztliche Abklärung wichtig ist, und welche Maßnahmen helfen, die Abwehrkräfte zu stärken und Atemwegsinfekte zu vermeiden.

Das Interview in der Zusammenfassung

  • Sechs oder mehr Infekte pro Jahr gelten als Hinweis auf eine erhöhte Infektanfälligkeit.
  • Betroffene Kinder erholen sich langsamer und zeigen oft stärkere Symptome als Gleichaltrige.
  • Ursachen können u. a. chronische Atemwegserkrankungen, familiäre Vorbelastungen (z. B. Asthma), anatomische Besonderheiten wie Polypen, Allergien oder schädliche Umwelteinflüsse (Rauch, Schimmel, Tierhaare) sein.
  • Auch ein Immundefekt kann dahinterstecken. Dieser zeigt sich meist schon im Säuglingsalter und wird in immunologischen Spezialambulanzen abgeklärt.
  • Infekten vorbeugen: ausreichend Schlaf, viel Trinken, frische Luft und frühzeitiger Arztbesuch bei Fieber oder anhaltenden Symptomen.
  • Inhalation mit hypertoner Kochsalzlösung kann bei starker Verschleimung helfen.
  • Vollständiger Impfstatus und ggf. eine Grippeimpfung sind besonders wichtig, um Infekte zu vermeiden und andere zu schützen.

PARI-Blog: Wann gelten Kinder und Jugendliche als besonders infektanfällig?

Emmanuel Nellen: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Denn es hängt immer auch von den Infekten ab, die gerade im Umlauf sind. Generell kann man aber sagen, dass Kinder und Jugendliche als besonders infektanfällig gelten, wenn sie sechs Mal im Jahr oder häufiger krank sind. Das entspricht ungefähr einem Infekt alle zwei Monate. Da würde ich von einer erhöhten Infektanfälligkeit sprechen.

PARI-Blog: Gibt es daneben weitere Hinweise, die auf eine erhöhte Infektanfälligkeit hindeuten?

Emmanuel Nellen: Kinder und Jugendliche, die empfindlicher gegenüber Infekten sind, brauchen in der Regel auch länger, um sich davon zu erholen. Die Genesung kann hier zwei bis drei Wochen länger in Anspruch nehmen. Das liegt unter anderem daran, dass diese Kinder und Jugendlichen stärkere Symptome als Altersgenossen entwickeln.

Beispiel RS-Virus: Dieser verursacht vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter starke Symptome, im Kindes- und Jugendalter bleiben RSV-Infekte hingegen harmlos. Bei infektanfälligen Kindern und Jugendlichen verhält es sich anders. Sie zeigen trotz ihres Alters untypisch starke Beschwerden.

PARI-Blog: Warum haben manche Kinder und Jugendliche eine stärkere Neigung zu Infekten und sind häufiger krank als andere? Was sind die Hintergründe?

Emmanuel Nellen: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zum einen sind Kinder und Jugendliche mit chronischen Atemwegserkrankungen häufig infektanfälliger. Was man auch erwähnen muss, sind familiäre Belastungen. Wenn Eltern oder Großeltern zum Beispiel eine Asthmaneigung haben, kann das vererbt werden und sich in Infektanfälligkeit ausdrücken. Hinter einer Infektneigung können auch Rachenmandel-Wucherungen oder andere anatomische Besonderheiten in den oberen Atemwegen stecken, die die natürliche Nasenatmung und Belüftung der Nasennebenhöhlen behindern.

Zum anderen spielen sogenannte Noxen eine Rolle. Noxen sind, ganz allgemein ausgedrückt, schädigende Stoffe oder Umstände, die eine Krankheit auslösen oder fördern können. Dazu zählt zum Beispiel, wenn in einem Haushalt oder Ort, in dem sich ein Kind oder Jugendlicher häufig aufhält, geraucht wird. Auch Schimmel, Staub oder Tierhaare – alles potenzielle Allergene – können dazu führen, dass Kinder ständig krank sind. Hier gilt es abzuklären, ob eine Allergie vorliegt. Schlussendlich kann auch ein Immundefekt hinter häufigen Infekten stecken.

PARI-Blog: Können Sie auf den Immundefekt als Ursache für häufige Infekte näher eingehen?

Emmanuel Nellen: Einen Immundefekt bemerkt man üblicherweise bereits im Säuglingsalter. Bei Verdacht klärt man das ab. Es gibt hier Marker, die dann auffällig sind. Kinder mit Immundefekt werden früh durch sehr starke Infektionen auffällig: Zum Beispiel kämpfen sie mit schweren Lungenentzündungen, teils Blutvergiftungen, die mit Krankenhausaufenthalten enden.

Kinder mit Immundefekt zeigen teils Gedeihstörungen – je nachdem, welche Substrate im Körper fehlen. Diese können substituiert werden. Immundefekte klärt man in Spezialambulanzen, in sogenannten Immunologischen Ambulanzen, ab und die Kinder werden dort weiter betreut. Sie erhalten eine auf ihren Immundefekt abgestimmte Therapie.

PARI-Blog: Was können Kinder und Jugendliche, die zu Infekten neigen, präventiv tun, um die Atemwege zu schützen und Erkrankungen vorzubeugen?

Emmanuel Nellen: Kinder und Jugendliche, die zu Infekten neigen, sollten frühzeitig Ärztin oder Arzt aufsuchen und nicht erst Tage oder Wochen ins Land ziehen lassen. Fieber ist hier ein Alarmzeichen. Spätestens dann sollten sich diese Kinder und Jugendliche in der Praxis vorstellen.

Besondere Umsicht ist auch bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Atemwegserkrankungen geboten. Früh ärztlichen Rat heranziehen, und es liegt auf der Hand, dass beim geringsten Anzeichen eines Infektes, die Regeltherapie intensiviert werden sollte.

Idealerweise nutzen Kinder und Jugendliche mit Asthma, Mukoviszidose, o. ä. zuhause einen Peakflow-Meter, mit dem sie ihre maximale Ausatemgeschwindigkeit und damit die Weite der Atemwege überprüfen. Zeigen sich deutlich niedrigere Werte als üblich, kann das auf einen Infekt hindeuten und man sollte frühzeitig mit der Therapie beginnen.

Daneben sollten diese Kinder und Jugendlichen – wie übrigens auch solche, die keine Vorerkrankungen haben – auf einen gesunden Lebensstil achten, ausreichend trinken, genügend schlafen und an die frische Luft gehen. Als Eltern kann man hier gerne als Vorbild vorangehen und sich ebenso an diese Tipps halten.

PARI-Blog: Empfehlen Sie infektanfälligen Kindern und Jugendlichen Inhalation oder Nasendusche oder andere spezielle Behandlungsmethoden?

Emmanuel Nellen: Bei der Nasendusche gibt es Leute, die schwören darauf. Es kann hilfreich sein, aber als unangenehm empfunden werden. Nicht alle Kinder tolerieren es. Die Feuchtinhalation mit Ectoin oder hypertoner Kochsalzlösung kann bei infektanfälligen Kindern und Jugendlichen sinnvoll sein – gerade wenn die Erkrankung mit viel Verschleimung einhergeht.

Hier hilft die Inhalation mit hypertoner Kochsalzlösung, das Sekret zu verflüssigen und besser abhustbar zu machen. Gleichzeitig kann hypertone Kochsalzlösung als reizend empfunden werden, aber nichtsdestotrotz wird damit der Schleim gut mobilisiert und kommt einfacher aus den Bronchien.

PARI-Blog: Wie sieht es mit Impfungen aus?

Emmanuel Nellen: Für alle Kinder und Jugendlichen ist ein kompletter und aktueller Impfstatus wichtig. Man sollte den Impfempfehlungen der Stiko folgen. Für infektanfällige Kinder und Jugendliche ist dies besonders wichtig und kann in Absprache mit der behandelnden Kinderärztin oder dem Kinderarzt um die Influenza-Impfung ergänzt werden. Auch hier gilt natürlich, dass eine Impfung vor einer Erkrankung schützen kann und auch sinnvoll ist, um andere zu schützen.

Wie wichtig ein kompletter Impfstatus ist bzw. welche Folgen es hat, wenn dem nicht so ist, haben wir vergangenes Jahr gesehen. Es gab außerordentlich viele Keuchhusteninfektionen, deren Ursache laut RKI mangelnde Impfungen und ein nachlassender Impfschutz war.

PARI-Blog: Herr Nellen, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.


Über Emmanuel Nellen

Emmanuel Nellen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit eigener Praxis in Ostfildern. Nach einer Ausbildung zum medizinisch-technischen Radiologie-Assistenten studierte er Medizin in Heidelberg-Mannheim und schloss 2006 mit dem Staatsexamen ab. Anschließend war er Assistenzarzt am Klinikum Stadt Hanau, am Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich und an den Kreiskliniken Reutlingen. Von 2014 bis 2016 arbeitete er als angestellter Kinderarzt in einer Praxis in Rechberghausen.


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Hinweis: Der Inhalt des Beitrags stellt keine Therapieempfehlung dar. Die Bedürfnisse von Patienten sind individuell sehr verschieden. Vorgestellte Therapieansätze sollen nur als Beispiele dienen. PARI empfiehlt Patienten, sich stets mit ihrem behandelnden Hausarzt oder Facharzt abzusprechen.


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