Kinderarzt Emmanuel Nellen erklärt Ursachen von Infektanfälligkeit bei Kindern und Jugendlichen und was Eltern tun können, um ihr Kind zu stärken.

Immer wieder krank, ständig Schupfen oder Husten: Viele Eltern kennen das bei ihren Kindern im Grundschul- oder Jugendalter. Ab wann gilt ein Kind als besonders infektanfällig? Was steckt dahinter, wenn Jugendliche oder Kinder häufiger und schwerer krank werden als Gleichaltrige?
Kinderarzt Emmanuel Nellen erklärt, welche Ursachen häufige Infekte haben können, wann ärztliche Abklärung wichtig ist, und welche Maßnahmen helfen, die Abwehrkräfte zu stärken und Atemwegsinfekte zu vermeiden.
Emmanuel Nellen: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Denn es hängt immer auch von den Infekten ab, die gerade im Umlauf sind. Generell kann man aber sagen, dass Kinder und Jugendliche als besonders infektanfällig gelten, wenn sie sechs Mal im Jahr oder häufiger krank sind. Das entspricht ungefähr einem Infekt alle zwei Monate. Da würde ich von einer erhöhten Infektanfälligkeit sprechen.
Emmanuel Nellen: Kinder und Jugendliche, die empfindlicher gegenüber Infekten sind, brauchen in der Regel auch länger, um sich davon zu erholen. Die Genesung kann hier zwei bis drei Wochen länger in Anspruch nehmen. Das liegt unter anderem daran, dass diese Kinder und Jugendlichen stärkere Symptome als Altersgenossen entwickeln.
Beispiel RS-Virus: Dieser verursacht vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter starke Symptome, im Kindes- und Jugendalter bleiben RSV-Infekte hingegen harmlos. Bei infektanfälligen Kindern und Jugendlichen verhält es sich anders. Sie zeigen trotz ihres Alters untypisch starke Beschwerden.

Emmanuel Nellen: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zum einen sind Kinder und Jugendliche mit chronischen Atemwegserkrankungen häufig infektanfälliger. Was man auch erwähnen muss, sind familiäre Belastungen. Wenn Eltern oder Großeltern zum Beispiel eine Asthmaneigung haben, kann das vererbt werden und sich in Infektanfälligkeit ausdrücken. Hinter einer Infektneigung können auch Rachenmandel-Wucherungen oder andere anatomische Besonderheiten in den oberen Atemwegen stecken, die die natürliche Nasenatmung und Belüftung der Nasennebenhöhlen behindern.
Zum anderen spielen sogenannte Noxen eine Rolle. Noxen sind, ganz allgemein ausgedrückt, schädigende Stoffe oder Umstände, die eine Krankheit auslösen oder fördern können. Dazu zählt zum Beispiel, wenn in einem Haushalt oder Ort, in dem sich ein Kind oder Jugendlicher häufig aufhält, geraucht wird. Auch Schimmel, Staub oder Tierhaare – alles potenzielle Allergene – können dazu führen, dass Kinder ständig krank sind. Hier gilt es abzuklären, ob eine Allergie vorliegt. Schlussendlich kann auch ein Immundefekt hinter häufigen Infekten stecken.
Emmanuel Nellen: Einen Immundefekt bemerkt man üblicherweise bereits im Säuglingsalter. Bei Verdacht klärt man das ab. Es gibt hier Marker, die dann auffällig sind. Kinder mit Immundefekt werden früh durch sehr starke Infektionen auffällig: Zum Beispiel kämpfen sie mit schweren Lungenentzündungen, teils Blutvergiftungen, die mit Krankenhausaufenthalten enden.
Kinder mit Immundefekt zeigen teils Gedeihstörungen – je nachdem, welche Substrate im Körper fehlen. Diese können substituiert werden. Immundefekte klärt man in Spezialambulanzen, in sogenannten Immunologischen Ambulanzen, ab und die Kinder werden dort weiter betreut. Sie erhalten eine auf ihren Immundefekt abgestimmte Therapie.
Emmanuel Nellen: Kinder und Jugendliche, die zu Infekten neigen, sollten frühzeitig Ärztin oder Arzt aufsuchen und nicht erst Tage oder Wochen ins Land ziehen lassen. Fieber ist hier ein Alarmzeichen. Spätestens dann sollten sich diese Kinder und Jugendliche in der Praxis vorstellen.
Besondere Umsicht ist auch bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Atemwegserkrankungen geboten. Früh ärztlichen Rat heranziehen, und es liegt auf der Hand, dass beim geringsten Anzeichen eines Infektes, die Regeltherapie intensiviert werden sollte.
Idealerweise nutzen Kinder und Jugendliche mit Asthma, Mukoviszidose, o. ä. zuhause einen Peakflow-Meter, mit dem sie ihre maximale Ausatemgeschwindigkeit und damit die Weite der Atemwege überprüfen. Zeigen sich deutlich niedrigere Werte als üblich, kann das auf einen Infekt hindeuten und man sollte frühzeitig mit der Therapie beginnen.
Daneben sollten diese Kinder und Jugendlichen – wie übrigens auch solche, die keine Vorerkrankungen haben – auf einen gesunden Lebensstil achten, ausreichend trinken, genügend schlafen und an die frische Luft gehen. Als Eltern kann man hier gerne als Vorbild vorangehen und sich ebenso an diese Tipps halten.

Emmanuel Nellen: Bei der Nasendusche gibt es Leute, die schwören darauf. Es kann hilfreich sein, aber als unangenehm empfunden werden. Nicht alle Kinder tolerieren es. Die Feuchtinhalation mit Ectoin oder hypertoner Kochsalzlösung kann bei infektanfälligen Kindern und Jugendlichen sinnvoll sein – gerade wenn die Erkrankung mit viel Verschleimung einhergeht.
Hier hilft die Inhalation mit hypertoner Kochsalzlösung, das Sekret zu verflüssigen und besser abhustbar zu machen. Gleichzeitig kann hypertone Kochsalzlösung als reizend empfunden werden, aber nichtsdestotrotz wird damit der Schleim gut mobilisiert und kommt einfacher aus den Bronchien.
Emmanuel Nellen: Für alle Kinder und Jugendlichen ist ein kompletter und aktueller Impfstatus wichtig. Man sollte den Impfempfehlungen der Stiko folgen. Für infektanfällige Kinder und Jugendliche ist dies besonders wichtig und kann in Absprache mit der behandelnden Kinderärztin oder dem Kinderarzt um die Influenza-Impfung ergänzt werden. Auch hier gilt natürlich, dass eine Impfung vor einer Erkrankung schützen kann und auch sinnvoll ist, um andere zu schützen.
Wie wichtig ein kompletter Impfstatus ist bzw. welche Folgen es hat, wenn dem nicht so ist, haben wir vergangenes Jahr gesehen. Es gab außerordentlich viele Keuchhusteninfektionen, deren Ursache laut RKI mangelnde Impfungen und ein nachlassender Impfschutz war.
Emmanuel Nellen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit eigener Praxis in Ostfildern. Nach einer Ausbildung zum medizinisch-technischen Radiologie-Assistenten studierte er Medizin in Heidelberg-Mannheim und schloss 2006 mit dem Staatsexamen ab. Anschließend war er Assistenzarzt am Klinikum Stadt Hanau, am Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich und an den Kreiskliniken Reutlingen. Von 2014 bis 2016 arbeitete er als angestellter Kinderarzt in einer Praxis in Rechberghausen.
Hinweis: Der Inhalt des Beitrags stellt keine Therapieempfehlung dar. Die Bedürfnisse von Patienten sind individuell sehr verschieden. Vorgestellte Therapieansätze sollen nur als Beispiele dienen. PARI empfiehlt Patienten, sich stets mit ihrem behandelnden Hausarzt oder Facharzt abzusprechen.
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