Long-COVID: Lunge nach Corona trainieren – Tipps & Erfahrungen einer Physiotherapeutin

Atemnot, Engegefühl in der Brust, Husten sowie vermehrt Schleim in den Atemwegen können zu den Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion gehören. Diese Probleme treten auch bei ursprünglich gesunden Menschen auf, die vor COVID-19 keine diagnostizierte, chronische Lungenerkrankung hatten – so die Beobachtungen der Atemphysiotherapeutin, Marlies Ziegler. Im Gespräch berichtet Sie über Ihre Erfahrungen mit der Behandlung von Long-Covid-Symptomen der Lunge und zeigt, wie Patienten ihre Lunge nach Corona trainieren genauer gesagt ihr Atemsystem wieder stärken können.

PARI-Blog: Frau Ziegler, erhalten Sie in Ihrer Atemphysiotherapiepraxis viele Anfragen von Patienten, die über Long-Covid-Symptome der Lunge klagen? Sind es eher Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen oder gesunde?

Marlies Ziegler: Im Sommer vergangenen Jahres, also nach der ersten Welle, kamen pro Woche zwei bis drei Anfragen von Menschen, die nach einer Corona-Infektion Probleme mit Lunge und Atmung hatten. Das war auffällig. Im Herbst gingen die Anfragen etwas zurück. Mittlerweile nehmen sie wieder zu. Die Anfragen scheinen sich zeitversetzt zu den Wellen zu häufen. Wir merken, dass Menschen aktiv nach Hilfsangeboten suchen, um ihre Atemprobleme nach einer Corona-Infektion in den Griff zu bekommen. Beispielsweise fragen auch viele Long-Covid-Patienten beim Verein für Reflektorische Atemtherapie an, in welchen Praxen diese spezielle Behandlung angeboten wird. Vor Corona meldeten sich beim Verein vorwiegend COPD-Patienten, zurzeit fragen auch sehr viele Long-Covid-Patienten nach, die ursprünglich gesund waren und keine chronische Lungenerkrankung aufwiesen. Auch bei uns in der Praxis erhalten wir fast ausschließlich Anfragen von vormals Gesunden, die über Long-Covid-Symptome klagen.

PARI-Blog: Woran liegt es, dass hauptsächlich Menschen ohne pulmonale Vorerkrankungen nach Corona Lungenprobleme haben und nicht die Risikopatienten? Was denken Sie?

Marlies Ziegler: Warum Patienten mit pulmonalen Vorerkrankungen seltener betroffen sind oder zumindest bei uns nicht vorkommen, lässt sich nur vermuten. Es könnte mit der höheren Vorsicht, konsequenterer Einhaltung der AHA-Regeln und einer guten hygienischen Schulung der Patienten erklärt werden. Patienten mit pulmonalen Vorerkrankungen haben sich schon vor Corona in der Erkältungszeit tendenziell mit sozialen Kontakten zurückgehalten und streng das beachtet, was jetzt als AHA-Regeln bekannt ist. Sie tun dies routinemäßig, um sich möglichst gut vor Erkältungs- und Grippeviren schützen zu können.

PARI-Blog: Zeigen Ihre Long-Covid-Patienten Gemeinsamkeiten beim Verlauf der Corona-Infektion und Krankengeschichte?

Marlies Ziegler: Die Patienten in unserer Praxis hatten unterschiedlich schwere Verläufe der Corona-Infektion. Keiner unserer Patienten musste während der Infektion intubiert werden. Wir haben einige Patienten, die im Krankenhaus mit Sauerstoff behandelt, danach auf Reha geschickt und dann vom Arzt zu uns überwiesen wurden. Es gibt aber auch Patienten, die ihre Infektion im eigenen häuslichen Umfeld durchgestanden haben, teils mit nur milden Symptomen. Diese haben erst im Nachgang zur Corona-Erkrankung Atemwegsprobleme entwickelt. Nicht alle Patienten kommen mit einer Überweisung vom Arzt. Einige kommen aus eigenem Antrieb, weil sie etwas gegen die Atemprobleme machen möchten.

PARI-Blog: Über welche Symptome und Beschwerden klagen Ihre Patienten?

Marlies Ziegler: Zum einen klagen die Patienten darüber, dass Ausdauer und Belastbarkeit deutlich eingeschränkt sind. Sie sind schnell außer Atem. Für einen Patienten zum Beispiel wurde nach seiner COVID-19 Erkrankung das tägliche Gassi gehen mit dem Hund zu einer Tätigkeit, die ihn schnell ermüdet. Er braucht Pausen und kann auch nicht mehr so weite Strecken gehen wie vor seiner Infektion. Zum anderen berichten Patienten oft, dass die Lunge sehr empfindlich und reizbar ist, woraus sich häufiges Husten ergibt. Dieser Husten kann trocken sein oder auch mit festsitzendem Sekret zusammenhängen. Oft haben die Patienten das Gefühl einer „verklebten“ Lunge und Luftnot. In der Behandlung merken wir, dass es lange dauert und Zeit braucht, bis sich Sekret aus der Lunge löst.

PARI-Blog: Kann man den Patienten die Long-Covid-Beschwerden ansehen?

Marlies Ziegler: Ja, abhängig vom Schweregrad. Bei manchen hört man zum Beispiel die Kurzatmigkeit, wenn sie sprechen. Wir sehen, dass es manche anstrengt, wenn sie sich für die Behandlung umziehen. Bei allen Long-Covid-Patienten in unserer Praxis zeigt sich, dass das Zwerchfell aus dem Takt zu sein scheint. Es arbeitet nicht so, wie es sollte. Die gesamte Atembewegung ist nicht im Fluss, sondern gestört. Das sieht man zum Beispiel daran, dass sich der Brustkorb nicht überall und komplett mit der Einatmung weitet. Auf den Röntgenbildern, welche die Patienten mitbringen, sehen wir häufig, dass manche Lungenbereiche nicht mehr richtig belüftet werden. Im schlimmsten Fall können die Beschwerden in strukturellen, dauerhaften Lungenschäden enden.

PARI-Blog: Welche Behandlung hilft gegen die Long-Covid-Lungenbeschwerden?

Marlies Ziegler: Zum einen nutzen wir häufig die sogenannte reflektorische Atemtherapie, welche das Zwerchfell aktiviert, wieder richtig zu arbeiten. Außerdem nutzen wir Stenosen und die Ausatmung gegen einen Widerstand, um die Kurzatmigkeit zu reduzieren. Gegen Reizhusten und das Gefühl einer verschleimten Lunge hat sich die Inhalation mit einem Vernebler, wie dem PARI BOY, bewährt.

PARI-Blog: Wie häufig und womit inhalieren Long-Covid-Patienten?

Marlies Ziegler: Als Inhalationslösungen bieten sich 0,9% Kochsalzlösung an oder auch PARI ProtECT mit Ectoin, um den Hustenreiz besser unter Kontrolle zu bringen. Ist ein vermehrtes Auftreten von Schleim in der Lunge im Spiel, dann empfiehlt sich die Inhalation mit einer 3% hypertonen Kochsalzlösung. Die Patienten inhalieren dabei nach Bedarf.

PARI-Blog: Wie schnell regeneriert sich die Lunge nach einer Corona-Infektion Ihrer Erfahrung nach?

Marlies Ziegler: Hierzu kann ich keine eindeutige Aussage treffen. Manche Patienten haben einige Wochen oder Monate zu kämpfen. Manche kürzer, andere deutlich länger. Auffällig dabei ist: Normalerweise erholen sich gut trainierte und sportliche Menschen schneller von einem Infekt oder einer OP als Menschen, die vor der Infektion nicht regelmäßig Sport getrieben haben. Bei COVID-19 scheint das nicht so zu sein. Auch wenn jemand vor Corona fit war, regeneriert sich das Atemsystem nicht schneller als bei einem unsportlichen Menschen. Ein Beispiel für dieses Phänomen kennen wir auch aus unserer Praxis. Einer unserer Patienten, ein circa fünfzigjähriger, gesunder und ursprünglich sportlicher Mann, ist auch heute – ein halbes Jahr nach seiner Corona-Infektion – nicht wieder auf dem Fitnesslevel, das er vor seiner COVID-19 Erkrankungen hatte. Auch ein vormals rüstiger und aktiver Herr mit 80 Jahren ist fünf Monate nach der Infektion noch nicht wieder fit. Er benötigt heute noch immer nachts Sauerstoff. Aufgrund seiner COVID-19-Erkrankung scheint er COPD entwickelt zu haben.

PARI-Blog: Lunge nach Corona trainieren: Haben Sie Tipps?

Marlies Ziegler: Ja, ich habe Tipps, wobei man nicht vom Lunge trainieren, sondern korrekterweise davon sprechen sollte, das Atemsystem zu trainieren. Long-Covid-Patienten gebe ich gerne folgende fünf Tipps, welche das Atemsystem trainieren und bei der Regeneration helfen können:

  1. Atemwahrnehmungsübungen 
    Damit bekommen Sie ein besseres Gefühl für die eigene Atmung und trainieren bewusst zu atmen.
  2. Lunge pflegen 
    Gegen Hustenreiz und Verschleimung helfen Feuchtinhalationen mit einem Vernebler und passenden Inhalationslösungen. Eine gepflegte und gereinigte Lunge ist weniger reizbar und besser gewappnet für Belastungen.
  3. Stenosen einsetzen 
    Atmen Sie gegen einen Widerstand, zum Beispiel mit der sogenannten Lippenbremse aus. Das lindert das Gefühl der Kurzatmigkeit und trägt dazu bei, dass sich Tätigkeiten weniger anstrengend anfühlen.
  4. Bewegung und Sport
    Regelmäßige, körperliche Aktivität ist wichtig. Gehen Sie dabei der Aktivität nach, die Ihnen Spaß bereitet – das kann Gartenarbeit sein, genauso wie ein Spaziergang oder eine bestimmte Sportart. Ausdauertraining ist dabei empfehlenswerter als Krafttraining. Achten Sie darauf, die Intensität des Trainings Ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit anzupassen. Die Belastung können Sie im Laufe mehrerer Monate langsam steigern. Verlangen und erwarten Sie nicht zu viel von sich. Viele Long-COVID-Patienten benötigen mehr als sechs Monate, um wieder auf das Niveau zu kommen, auf dem sie vor der Corona-Erkrankung trainiert haben. Sollte der Fortschritt beim Training ausfallen, kann eine Reha-Maßnahme hilfreich sein. Hier erarbeiten Spezialisten mit Ihnen gemeinsam einen individuell angepassten Plan.ngen.
  5. Atemphysiotherapeut als Coach
    Scheuen Sie sich nicht Hilfe aufzusuchen, sollten Sie Ihre Atemprobleme nicht in den Griff bekommen. Ärzte können Rezepte für Atemphysiotherapie ausstellen. Atemphysiotherapeuten können Ihnen Anwendungen und Therapien zeigen, die auf Ihre individuelle Situation und Beschwerden angepasst sind, und Sie als Atem-Coach begleiten.

 

PARI-Blog: Liebe Frau Ziegler, vielen Dank für das informative Gespräch.

 

Über Marlies Ziegler:

Marlies Ziegler arbeitet als niedergelassene Physiotherapeutin in München. Ihr Schwerpunkt liegt auf Atemphysiotherapie. Sie behandelt seit über 20 Jahren Patienten mit chronischen obstruktiven und restriktiven Atemwegserkrankungen, wie Asthma, COPD, Mukoviszidose (CF) und Primäre Ciliäre Dyskinesie (PCD). Seit Sommer 2020 suchen auch immer mehr Long-Covid-Patienten mit Lungenproblemen die Spezialpraxis auf.

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Ein Beitrag der PARI-BLOG Redaktion.


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