Mein Kind will nicht inhalieren: 9 Tipps und Ideen, wie es mit der Motivation klappen kann

„Ich will nicht inhalieren!“ Das Kind streikt und Sie sind der Verzweiflung nahe – wie so oft? Kommt Ihnen diese Situation bekannt vor? Ja? Sie sind nicht allein! So geht es vielen Eltern und vor allem denen, die ein Kind mit einer chronischen Atemwegserkrankung haben.

Zwei Herausforderungen bringt das Inhalieren mit Kindern mit sich: Atemtechnik und Motivation

Laut Atemphysiotherapeutin Rita Kieselmann bringt die Inhalation mit Kindern zwei Herausforderungen mit sich: „Das ist zum einen das Erlernen der richtigen Inhalationstechnik und zum anderen, die Kinder zur Inhalation zu motivieren.“ Eine richtige Inhalationstechnik ist die Voraussetzung dafür, dass die Medikamente in die Bronchien gelangen und dort wirken können. Tipps, wie Sie Ihren Kindern helfen, eine richtige Inhalationstechnik zu erlernen, finden Sie auf dem PARI Blog.

Meistens ist aber nicht das Lernen der richtigen Atmung das Problem, sondern die Kinder zur Inhalation zu motivieren. „Das Thema Inhalation sorgt sehr häufig für Konflikte zwischen Eltern und Kind. Das kann auf Dauer belastend sein“, weiß Rita Kieselmann. Sie arbeitet seit über 45 Jahren als Atemphysiotherapeutin. In der Praxis betreut sie Kinder, die an schweren, chronischen Atemwegserkrankungen oder nur an einer akuten Bronchitis oder Lungenentzündung leiden und deshalb inhalieren müssen.

Mütter und Väter berichten regelmäßig über Konflikte mit ihren Kindern, wenn es um die Inhalation geht. Sie holen sich dann Kieselmanns Rat, wie sie ohne Diskussionen ihr Kind zur Inhalation bewegen können. Dem PARI Blog verrät die langjährig erfahrene Atemphysiotherapeutin 9 Tipps und Ideen, die dabei helfen können.

Tipp 1: Zuneigung zeigen und eine schöne Zeit miteinander verbringen

Auch wenn es sich um eine Verpflichtung handelt, sollte die Inhalation in einer angenehmen und gelassenen Stimmung erfolgen. Rita Kieselmann empfiehlt daher: „Eltern können betonen, dass sie mit ihrem Kind während der Inhalationstherapie gemeinsam eine schöne Zeit verbringen. Sie können dem Kind Zuneigung zeigen, es in den Arm nehmen, es loben und sagen ‚Ich bin für dich da‘. Eltern können sich mit dem Kind verbünden und ihm zu verstehen geben, dass man die Therapie und den Kampf gegen die Krankheit gemeinsam führt.

Besonders wenn das Kind, welches inhalieren muss, ein Geschwisterkind hat, können die Eltern in den Vordergrund stellen, dass die Inhalationszeit eine Gemeinsamzeit ist – Zeit, nur mit der Mutter oder mit dem Vater, ohne mit Bruder oder Schwester teilen zu müssen. Eltern könnten dem Kind sagen: ‚Inhalationszeit ist Zeit nur für uns zwei.‘ Damit kann sich das Kind angenommen und bestärkt fühlen.“

Tipp 2: Videos schauen, fernsehen

Dieser Trick ist bei den meisten Eltern beliebt und wird häufig praktiziert. Auch aus Sicht der Atemphysiotherapeutin spricht unter bestimmten Umständen nichts dagegen, wenn Kinder während der Inhalation Fernsehen oder Videos schauen, aber: „Das Kind muss inhalationserfahren sein und die Inhalationstechnik beherrschen. Diese Fähigkeit ist die Voraussetzung. Denn nur dann ist sichergestellt, dass das Medikament tief genug in die Bronchien gelangt und wirken kann. Wenn der Fernseher läuft, sollte sich ein Elternteil im gleichen Raum wie das Kind aufhalten und ab und zu ein Auge auf die richtige Durchführung der Inhalation werfen.

Bei Kindern im Vorschulalter oder bei Kindern, welche die Inhalationstechnik noch nicht sicher beherrschen, sollten die Eltern zur Kontrolle neben dem Kind sitzen bleiben, ihr Kind begleiten und anleiten. Die Erfahrung zeigt, dass man Kinder erstens an eine tiefe Atmung, zweitens an das richtige Halten der Inhalette und drittens an eine aufrechte Sitzposition erinnern muss. Eltern können ihre Kinder bei der Atmung unterstützen, indem sie ihre Hand auf den Brustkorb des Kindes legen und mit der Ein- und Ausatembewegung mitgehen.“

Tipp 3: Buch vorlesen oder mit Fingerpuppen Geschichten erzählen

Für Kinder im Kleinkindalter ist eine Ablenkung mittels Videokonsum nicht das Optimum. Hier eignet es sich besser, Ihrem Kind während der Inhalation ein Buch vorzulesen oder mit Fingerpuppen eine Geschichte vorzuspielen.

„Das Buch legen Sie gegebenenfalls vor sich auf den Tisch oder Sie nutzen einen Notenständer oder einen Tablet-Halter, so dass Sie das Buch nicht halten müssen. Eine Geschichte selbst erfinden oder aus dem Gedächtnis zu erzählen, ist von der Koordination her einfacher. Gerade, wenn Kinder noch viel Hilfe dabei brauchen, den Vernebler richtig zu halten, stört ein Buch“, rät die Atemphysiotherapeutin. Bei erfundenen oder nacherzählten Geschichten können Sie mit Fingerpuppen noch mehr für Spiel und Spannung sorgen.

Tipp 4: Erklären, warum Inhalation wichtig ist

Nicht nur bei Kindern mit akutem Bedarf an Inhalation, sondern vor allem bei Kindern mit chronischen Atemwegserkrankungen sind Gespräche sehr wichtig für die Akzeptanz und Durchführung der Inhalation. Rita Kieselmann hält Eltern dazu an, immer wieder mit ihren Kindern zu sprechen, gerade dann, wenn die Kinder streiken oder aus Lustlosigkeit schlampig inhalieren: „Eltern sollten ihren Kindern ehrlich sagen, dass sich der Gesundheitszustand ohne Inhalation verschlechtern kann.

Dem Kind muss klar sein, dass nur durch eine richtige Inhalation das Medikament gut in den Bronchien deponiert werden und wirken kann. In den Gesprächen können die Eltern herausstellen, dass sie sich freuen, wenn es ihrem Kind gut geht, es nachts nicht wegen des Hustens aufwacht oder keine Rasselgeräusche und Giemen aus der Lunge zu hören sind. Den Kindern muss bewusstwerden, dass sie selbst zu ihrer Gesundheit durch ihre Inhalationstherapie beitragen können.

Natürlich muss man altersgerecht erklären, behutsam vorgehen und darf dem Kind keine Angst machen, aber man muss es aufklären. Diese Gespräche verlangen den Eltern viel Geduld ab. Kommen die Kinder dennoch nicht zur Einsicht, sollte man auch die behandelnden Ärzte über die Uneinsichtigkeit informieren. Die Inhalation ist für die Gesundheit von Kindern mit chronischen Atemwegserkrankungen einfach zu wichtig, als dass man hier nachgeben könnte.“

Tipp 5: Konsequent bleiben

Unabhängig vom Alter des Kindes hilft Konsequenz, ständige Diskussionen und Konflikte zu vermeiden. Etwas, was immer zum Tagesablauf gehört, wird irgendwann einmal nicht mehr angezweifelt, sondern übernommen. Rita Kieselmann betont: „Es gibt keinen ‚Inhalationsurlaub‘. Am Wochenende und in den Ferien muss weiterinhaliert werden. Inhaliergerät und Inhalationsmedikamente gehören selbstverständlich ins Gepäck, wenn es auf Reisen geht.“

Tipp 6: Nicht zu streng sein

Bei aller Wichtigkeit einer konsequenten Inhalation für die Gesundheit ihrer Kinder sollten Eltern nicht zu streng sein. Zu viel Strenge kann Kinder demotivieren und genau das Gegenteil von dem auslösen, was man eigentlich bewirken möchte.

Rita Kieselmann erinnert sich an einen sehr strengen Vater, den sie in ihrer Praxis vor einigen Jahren miterleben durfte: „Der Vater korrigierte sein Kind mit Ungeduld, indem er sagte: ‚Jetzt hast du schon wieder zu kurz eingeatmet. Jetzt hast du zu schnell eingeatmet und hustest jetzt, reiß dich endlich mal zusammen.‘ Das Kind wurde immer stiller, sank in sich zusammen.

Durch eine derartig strenge Kontrolle können sich Ängste und Widerstände im Kind verstärken. Daher ist es wichtig, auf das Kind einzugehen und Verständnis zu zeigen. Es ist nicht schlimm, wenn nicht jeder Atemzug zu 100 Prozent richtig ausgeführt wird. Es ist viel schlimmer, wenn Kinder mit der Inhalation negative Gefühle und die Angst in Verbindung bringen, von Vater oder Mutter geschimpft zu werden.“

Tipp 7: Inhalationspass zum Stempeln oder Einkleben

Ein konkreter Tipp, die Inhalation mit etwas Positivem in Verbindung zu bringen, ist ein Inhalationspass. Eltern können diesen für ihre Kinder oder gemeinsam mit den Kindern basteln. Nach jeder Inhalation darf das Kind darin einen Stempel setzen oder einen Aufkleber einkleben, je nachdem was ihm mehr Spaß macht. Die Atemphysiotherapeutin sagt: „Damit gibt man den Kindern das Gefühl, eine Aufgabe gut erledigt zu haben. Sie erhalten eine gewisse Anerkennung für ihre Inhalationsleistung. Das kann motivierend wirken.“ Ab einem Alter von circa drei Jahren bis ins Grundschulalter hinein sind Kinder häufig von Stempeln und Aufklebern fasziniert. Das macht einen Inhalationspass umso reizvoller.

Hier können Sie den Inhalationspass (PDF) ausdrucken.

Tipp 8: Regelmäßige Belohnungen

Über eine Belohnung freut sich jeder. Und natürlich auch Kinder. Daher ist es sinnvoll, eine konsequente und gute Inhalationstherapie auch hin und wieder zu belohnen. Wichtig sei dabei, die Belohnung mit klaren Zielsetzungen zu verknüpfen, so Rita Kieselmann. Beispielsweise könnten Eltern mit ihren Kindern vereinbaren, nach einigen Wochen oder einem Monat der konsequenten Inhalation einen Ausflug zu machen.

Die Atemphysiotherapeutin erklärt: „Als Belohnung eignen sich besonders Ausflüge in einen Streichelzoo, in den Tierpark, zur nahegelegenen Pferdekoppel, Gehege mit Kühen oder zu einem Bach mit Enten. Es ist ideal, wenn sich Kinder den Tieren gegenüber fürsorglich verhalten und um sie kümmern können. Sie schlüpfen damit ein bisschen in diejenige Rolle, welche ihre Eltern ihnen gegenüber einnehmen. Sie begreifen, dass Eltern ihnen aus Fürsorge die Therapie nahebringen. Selbstverständlich sind auch andere Ausflüge oder Geschenke denkbar, sollte das Kind Tiere nicht so gerne mögen.“

Und noch eine Belohnungsidee hat Rita Kieselmann für Eltern von chronisch kranken Kindern parat: „Wenn das Kind akut krank, geschwächt oder kurzatmig ist, können Eltern das Kind von der Inhalation überzeugen, indem sie die Dauer der Inhalationszeit ausnahmsweise verkürzen und eventuell auf mehrere Inhalationen am Tag aufteilen. Nach dem Motto: Besser ein bisschen inhaliert, als gar nicht. Das sollte aber ausschließlich dann gelten, wenn das Kind krank, schwach und müde ist.“

Tipp 9: Her mit Noten, Sternchen und Co! Welcher Atemzug war der beste?

„Gerade Schulkinder im Alter von ungefähr acht bis 12 Jahren finden es reizvoll und motivierend, wenn ihre Atemzüge benotet oder besonders ausgezeichnet werden“, so die Erfahrung der Physiotherapeutin. In der Praxis hat sich dabei folgendes Vorgehen bewährt: „Das Kind macht zum Beispiel 20 Atemzüge und ich notiere mir heimlich, wie viele es davon schlecht, gut oder super gemacht hat.

Die Bewertung der Atemzüge erfolgt nach dem Schulnoten-System oder ich vergebe Sterne, Monde, Sonnen, eben irgendein Symbol, welches das Kind gerne mag. Den Kindern gefällt es, wenn sie bei der Auswertung sehen, dass sie sich bei den anschließenden Atemzügen steigern können. Es spornt sie an, die nächsten Atemzüge noch besser zu machen. Durch meine Rückmeldung erhalten sie zudem Anerkennung und Lob.“

Extra-Tipp: Spiele mit der Inhalation kombinieren und gleichzeitig die richtige Atemtechnik üben

Spielend geht alles einfacher und macht mehr Spaß. Warum sollte man nicht auch die Inhalation etwas spielerisch gestalten? “Im Rahmen der Inhalationstherapie bietet sich dabei an, Atemzüge grafisch als Bild darzustellen. Atmung zu verstehen und lernen diese zu steuern fällt Kindern schwer. Durch die Zeichnungen erhalten Kinder ein plastisches Bild ihrer Atmung. Sie sehen, wie sie atmen, ob die Atemzüge gleich lang oder ungleich oder zu kurz sind“, erläutert Rita Kieselmann und fährt fort: „Die Spiele basieren alle auf der gleichen Grundidee: Die Kinder atmen, die Eltern zeichnen zu den Atemzügen des Kindes ein bestimmtes Bild. Das können Raupenbeine, Berge, Spiralen oder andere Dinge sein. Eltern können ihrer Fantasie hier freien Lauf lassen.“

» hier geht’s zu den Spielen


Über Rita Kieselmann

Rita Kieselmann arbeitet seit über 45 Jahren als Physio- und Atemtherapeutin. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Kindern und Erwachsenen mit chronischen Atemwegserkrankungen. Rita Kieselmann ist Gründerin des Arbeitskreises Physiotherapie im Mukoviszidose e. V. Zudem entwickelte sie Selbsthilfetechniken zum Sekret-Transport, wie zum Beispiel die modifizierte Autogene Drainage und Atemmanöver mit oszillierenden PEP-Systemen.


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Ein Beitrag der PARI-BLOG Redaktion.


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