Drei Fragen zum Coronavirus bei Primärer Ciliärer Dyskinesie (PCD) – beantwortet von Prof. Dr. Rainald Fischer

Menschen, die mit der angeborenen, seltenen Erkrankung, Primäre Ciliäre Dyskinesie (PCD) leben, zählen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zur Risikogruppe. Die Erbkrankheit geht mit wiederkehrenden Infektionen der oberen und unteren Atemwege einher. Viele PCD-Patienten sind deswegen beunruhigt und befürchten, einen schweren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung erleiden zu können. Lungenfacharzt Professor Dr. Rainald Fischer klärt die drängendsten Fragen im Interview. Das Interview wurde am 2.4.2020 geführt.

PARI-Blog: Welche Gefahren sehen Sie speziell für Patienten mit Primärer Ciliärer Dyskinesie (PCD) bei einer Ansteckung mit dem Coronavirus?

Prof. Dr. Rainald Fischer: Grundsätzlich sehe ich die Gefahr für einen schweren Verlauf bei Patienten mit Primärer Ciliärer Dyskinesie durch eine Infektion mit dem Coronavirus als gering an, sofern diese eine nicht stark eingeschränkte Lungenfunktion aufweisen. Normalerweise ist bei Menschen mit PCD der Verlauf von Virenerkrankungen nicht schlechter als bei Gesunden. Das Hauptproblem bei PCD stellt der Umstand dar, dass der Abtransport des Sekrets durch die fehlende oder mangelnde Zilien-Bewegung nicht richtig funktioniert. Dadurch haben PCD-Patienten mehr Sekret in der Lunge. Im Sekret sammeln sich aber tendenziell Bakterien und eher weniger Viren. Denn Viren verbleiben nur kurz im Sekret, wandern direkt in die Atemwegszellen und zerstören diese. Im Grunde genommen können Zilien nur das abtransportieren, was sich im Schleim befindet. Das Fehlen der Zilien-Bewegung per se führt also nicht automatisch zu einer vermehrten Abwehrschwäche. Daher sind Menschen mit PCD aufgrund ihrer Grunderkrankung nicht stärker betroffen und dürften kein höheres Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf haben als Gesunde. Das Risiko ergibt sich eher aus dem individuellen Gesundheitszustand heraus.

PARI-Blog: Welche Faktoren könnten einen schweren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung bei PCD begünstigen?

Prof. Dr. Rainald Fischer: Die Gefahr hängt vom Ausmaß der Erkrankung ab, insbesondere vom Ausmaß der Bronchiektasen und der Lungenfunktion. Patienten mit einer insgesamt schon eingeschränkten Lungenfunktion, also zum Beispiel einem FEV1-Wert von ungefähr 50 Prozent des Solls und niedriger, können die gleichen Probleme bekommen wie Patienten mit anderen chronischen Lungenerkrankungen auch. Das bedeutet: Zum einen eine geringere Toleranz, was den Rückgang der Sauerstoffsättigung anbelangt, und zum anderen, dass die Entzündungen in den Bronchiektasen zunehmen. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass mir bisher keine Fälle von PCD-Patienten bekannt sind, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben.

PARI-Blog: Menschen mit PCD haben häufig Probleme mit der Nase. Kann sich das in irgendeiner Weise negativ auf den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung auswirken?

Prof. Dr. Rainald Fischer: Das lässt sich schwer sagen. Dazu liegen keine Zahlen oder Daten vor. Generell ist bekannt, dass PCD-Patienten anfälliger sind für bakterielle Infektionen. Die bakteriellen Infektionen betreffen auch Nase und Nasennebenhöhlen. Wir sehen häufig eine Kolonisation von Bakterien im Sekret. Viren machen das aber normalerweise nicht. Bisher konnte ich unter den PCD-Patienten meiner Praxis keine erhöhte Anfälligkeit für virale Infekte beobachten.

PARI-Blog: Prof. Dr. Fischer, vielen Dank für das Gespräch.

 

Über Prof. Dr. Rainald Fischer

Prof. Dr. Rainald Fischer ist niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Teilgebiet Lungen- und Bronchialheilkunde, Fachkunde Notfallmedizin, Schlafmedizin und Allergologie in München-Pasing. Davor war er als Internist und Lungenfacharzt, zuletzt Oberarzt an der medizinischen Universitätsklinik Innenstadt München tätig. Prof. Dr. Rainald Fischer ist Gründungsmitglied und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin, außerdem Mitglied in der ärztlichen Arbeitsgemeinschaft Mukoviszidose.


Weitere Interviews mit Prof. Dr. Rainald Fischer zum Thema Coronavirus und COVID-19 auf dem PARI-Blog


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Externe Quellen


Hinweise: Bei den im Interview getroffenen Aussagen handelt es sich um die individuelle Sichtweise des Interviewten. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die PARI Sichtweise oder den allgemeinen Stand der Wissenschaft wider.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Fischer wurde am 2. April 2020 geführt. Die Aussagen wurden auf Grundlage der zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Informationen getroffen.


Ein Beitrag der PARI-BLOG Redaktion.


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