Brief an meinen chronisch kranken Körper

 

Im eigenen Körper gefangen

Was tun, wenn der eigene Körper nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte? Ein zweiwöchiges Rückgaberecht haben wir nicht. Der Umtausch des Körpers, wie ein Schuh der am großen Zeh drückt, ist ausgeschlossen. Die Sehnsucht nach einem Ich, das nicht unheilbar krank ist, ist noch größer. Wer zu dick ist und eine Bikini-Figur möchte, kann Sport treiben und seine Ernährung umstellen. Wer an einer unheilbaren Krankheit wie zum Beispiel Mukoviszidose leidet, kann nur Symptome lindern. Das kann denjenigen schon mal wütend machen und verzweifeln lassen, wie uns der „Brief an meinen chronisch kranken Körper“ zeigt. Unsere an CF-leidende Autorin hat ihn an sich selbst geschrieben und uns zur Verfügung gestellt. Er erlaubt uns einen kurzen, aber intimen Einblick in ihre Gefühlswelt. Ein Happy End gibt es nicht, aber zumindest den Versuch einer Versöhnung.

 

Brief an meinen chronisch kranken Körper

Lieber Körper,

ich schreibe Dir heute diesen Brief, weil Du mich fast täglich dazu zwingst, mich mit Dir auseinander zu setzen. Nicht nur zur Bikini-Saison oder Erkältungszeit (wie bei anderen Menschen) forderst Du Aufmerksamkeit, sondern fast immer. Das geht mir auf die Nerven!

Ich weiß, Du bist krank. Du funktionierst nicht richtig. Du produzierst zu viel und auch noch zu zähes Sekret. Deine Flimmerhärchen sind faul und machen ihren Job nicht. Ich muss zweimal täglich hinterher putzen.

Du bekämpfst Pollen anstatt den wahren Feinden, den Viren und Keimen, gestählt gegenüber zu treten. Bist Du eigentlich bescheuert? Dein Darm kann kein Fett verdauen. Deine Bauchspeicheldrüse streikt und hat die Insulinproduktion eingestellt. Kurz gesagt: Du kriegst nicht einmal die Basisfunktionen eines menschlichen Körpers richtig hin. Du lieferst nicht ab und das, obwohl ich mit Dir in einer Leistungsgesellschaft leben muss. Du bringst mich mit Deinem Verhalten häufiger als mir lieb ist in die Bredouille. Wärst Du mein Angestellter, bekämest Du keinen Bonus. Wegen Schlechtleistung würde ich Dir am liebsten das Grundgehalt kürzen oder noch besser: Dir gleich kündigen. Das geht jedoch nicht. Ich bin dazu verdammt, mit Dir auf ewig ein Team zu sein.

Warum ich mich dann von Dir so distanziere? Vielleicht weil ich keinen bewussten Einfluss auf Dich habe und Dir ausgeliefert bin. Ich kann Dir zwar innerlich befehlen: „Steige die Treppe hoch“ oder Dir beibringen, Fahrrad zu fahren, aber nur so lange, Du das zulässt und es mir erlaubst. Früher hast Du bei fast allem mitgespielt. Ich konnte mit Gesunden nicht nur mithalten, sondern ihre Leistung manchmal sogar übertreffen. Das hat mich mächtig stolz gemacht und ich dachte, ich hätte Dich und Deine Unzulänglichkeiten im Griff. Klar, manchmal hast Du ein bisschen gejammert und kurzfristig schlapp gemacht. Aber meistens warst Du an Board, hast Dich meinem Willen gebeugt. Jetzt – wenn ich ehrlich bin, schon seit ein paar Jahren – tanzt Du mir auf der Nase herum. Ich kann mich nicht mehr auf Dich verlassen. Du brichst unter der Last der Handicaps ein und läufst nicht mehr so rund. Ich bin einen anderen Standard gewohnt. Aber vermutlich gibst Du Dein Bestes.

Insofern bin ich Dir doch irgendwie dankbar und möchte nachsichtig mit Dir sein. Du siehst zierlich und zerbrechlich aus, aber eigentlich bist Du ein ziemlich harter Hund. Obwohl an Dir vieles nicht richtig funktioniert, hältst Du mich am Leben. Seit unserer Geburt hast Du schon einige Statistiken widerlegt. Obwohl Du seit vier Jahrzehnten Unmengen von starken Medikamente zu verarbeiten hast, trägst Du mich durch einen Alltag mit Kind, Arbeit und Haushalt. Das ein oder andere blaue Auge hat Dir die Chemie schon verpasst, aber richtig umhauen konnten Dich die Nebenwirkungen nicht. Jährlich eine Operation über mehrere Jahre hinweg – das steckt auch nicht jeder Körper so weg wie Du. Insofern sollte ich Deine Leistung anerkennen und Dir danken für Deinen Einsatz, Dein Durchhaltevermögen, Deine Flexibilität und Deinen Kampfgeist. Irgendwie bin ich stolz auf Dich, auch wenn es mir natürlich lieber wäre, ich müsste mich mit Dir zu diesem Thema nicht austauschen. Trotzdem: Frieden? Frieden! Zumindest für heute.

Deine XXX

Ein Beitrag der PARI-BLOG Redaktion.


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